Klimawandel beschleunigt Waldwachstum

Doktoranden am Lehrstuhl für Wachstumskunde nehmen eine Jahrringprobe von einem Baum auf einer Versuchsfläche (Foto: L. Steinacker).

Doktoranden am Lehrstuhl für Wachstumskunde nehmen eine Jahrringprobe von einem Baum auf einer Versuchsfläche (Foto: L. Steinacker).

Im Zuge des Klimawandels steigen die Temperaturen, Extremereignisse nehmen zu. Für den Wald heißt das, dass er mit Trockenphasen oder heftigen Stürmen klar kommen muss. Eine Studie hat jetzt noch eine weitere Auswirkung belegt: Der Klimawandel beschleunigt das Waldwachstum. Genaueres dazu erklärt uns Professor Hans Pretzsch vom Lehrstuhl für Waldwachstumskunde der TU München.

Unsere Laub- und Nadelbäume wachsen in ihrem Lebenslauf unterschiedlich rasch. Man nahm an, dass Standorts- und Bestandseinflüsse mittlerweile stark von Witterungsabfolgen und Klimaänderungen überlagert werden. Dass belegt nun eine Studie, die 600.000 Einzelmessdaten aus den letzten knapp 150 Jahren auswertet. Die Daten stammen aus einem bayernweiten Netz aus langfristigen Versuchsflächen. Hier haben mittlerweile sieben Generationen von Förstern und Waldwachstumskundlern nach bestimmten Vorgaben konsequent Daten erhoben. Mit diesen langfristigen Beobachtungen können die Wissenschaftler feststellen, ob die Bäume immer noch so wie vor 150 Jahren wachsen oder ob sich etwas verändert hat.
Alle fünf, in älteren Beständen alle zehn Jahre, wurden der Brusthöhendurchmesser und die Höhe der Bäume gemessen; man weiß auch, wie sich deren Form verändert hat. Aus diesen Daten lassen sich die Grundfläche und das Volumen berechnen und letztendlich die Vorräte pro Hektar ableiten. Mit den regelmäßig wiederkehrenden Datenerhebungen ist belegt, wie sich diese Werte in den letzten 150 Jahren verändert haben. Normalerweise sind die Volumenzuwächse der Waldbestände in der Jugend eher gering, steigen dann an und nehmen schließlich wieder ab. Die Studie des Lehrstuhls für Waldwachstumskunde belegt, dass die Volumenzuwächse unserer Wälder nicht mehr abnehmen, sondern bis ins hohe Alter weiter ansteigen. Die simple aber aufsehenerregende Aussage: Beschleunigtes Waldwachstum in Mitteleuropa seit 1870!
Das Besondere an dieser Studie ist, dass hier nicht nur die Einzelindividuen, wie beispielsweise bei Jahrringuntersuchungen, beobachtet wurden, sondern ganze Bestände. Damit ist auch die Mortalität und Entwicklung des gesamten Bestandes festgehalten. Für den Beobachter sind diese Veränderungen im Wald nicht erkennbar. Die Bäume und Waldbestände sehen immer noch so aus wie früher, sie haben keine andere Form. Es geht einfach nur alles etwas schneller, so dass die Bäume in gleichem Alter einen weiterentwickelten Zustand erreicht haben.
Für das beschleunigte Wachstum gibt es mehrere Ursachen: Die verlängerte Vegetationszeit, die in den letzten hundert Jahren um etwa zwanzig Tage zugenommen hat, der Anstieg der Temperatur um durchschnittlich ein bis zwei Grad Celsius, dann die verstärkten Stickstoffeinträge und die Erhöhung der CO2-Konzentration. Es ist nicht nur ein Faktor für das beschleunigte Waldwachstum verantwortlich, sondern eine Kombinationswirkung, bei der aber die klimatologischen Faktoren sicherlich die Hauptrolle spielen. Die erhöhten Zuwächse in Waldbeständen sind allerdings nicht homogen verteilt. Schon in den 80er Jahren wurden durch Studien von Finnland bis Spanien erhöhte Zuwächse bestätigt, zugleich hatte man im Oberpfälzer Wald, im Harz oder im Solling in Kuppenlagen Waldschäden und Versauerung festgestellt. Es gibt nebeneinander Zuwachsplus und Zuwachsminus, je nachdem welche Faktoren einwirken.
Der erhöhte CO2-Eintrag ist gerad auf gut nährstoffversorgten Standorten vorrangig an den schnelleren Zuwächsen von Waldbäumen beteiligt. 10 Prozent mehr Zuwachs bei Fichte und bis 30 Prozent bei Buche pro Hektar und Jahr lassen sich inzwischen nachweisen. Davon profitiert die Forstwirtschaft: Holz wird schneller erntereif und man kann mehr Holz ernten ohne die Nachhaltigkeit zu verletzen. Allerdings verschieben sich auch die Konkurrenzverhältnisse zu Gunsten der Buche. Darauf müsse die Forstwirtschaft mit Mischungsregulierung antworten. Eine ökologische Folge ist, dass durch die beschleunigten Abläufe alle Organismen, die mit und am Wald leben – also auch der Mensch – eine höhere Mobilität benötigen. Das trifft vor allem kurzlebigere Organismen.
Zusätzlich hat das Forschungsteam weltweit Versuchsfelder in zehn Städten, unter anderem München und Kapstadt, in unterschiedlichen Klimazonen errichtet und Jahrringe von Bäumen auf Wachstumstrends analysiert. Auch hier haben die Zuwächse der Bäume zugenommen, am meisten in den Zentren der bisher ausgewerteten Städte. Vermutliche Ursachen hierfür sind Wärmeinseleffekte, mehr Düngung durch Stick- und Feinstoffeinträge sowie geringere Ozonkonzentrationen.

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